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Andrea Bischoff misst in einer Garage an der Gasbrennwertherme die Abgaswerte.

Glücksbringerin erobert Männerdomäne

Andrea Bischoff war eine der ersten weiblichen Auszubildenden in Ostfriesland. Mittlerweile sind einige Frauen in ihre Fußstapfen getreten.

Ostfriesland. Der Zylinder ist das Erkennungszeichen. Nur Gesellen dürfen ihn tragen. Wenn Andrea Bischoff aufs Dach steigt, ist sie immer in voller Montur. Bläst der Wind zu stark, wird die Kopfbedeckung abgesetzt. Das komme aber nur sehr selten vor, erzählt die 41-jährige Schornsteinfegerin. Die Auszubildenden tragen während der Lehrzeit eine schwarze Kappe, „gegen die Spinnweben und den Schmutz.“

Die luftigen Einsätze sind für die Mutter dreier Kinder selten geworden. Die Norderin arbeitet halbtags im Kehrbezirk Großheide bei dem bevollmächtigten Bezirksschornsteinfegermeister Bruno Stürenburg. Den Großteil ihrer Arbeitszeit ist sie am Vormittag mit Messtätigkeiten beschäftigt. Die Feuerstätten begutachten und Abgas- oder Schadstoffdaten auswerten. Als Energieberaterin kommt sie auch zum Einsatz, wenn es darum geht, den Gebäudebestand energetisch zu bewerten.

Als eine der ersten Frauen bewarb sie sich mit 16 Jahren um eine Lehrstelle bei der Schornsteinfegerinnung für Ostfriesland (Aurich). Dass ihre Berufswahl als Glücksbringerin etwas Besonderes ist, hat die Norderin erst bemerkt, als sie während ihrer Lehrzeit einem Reporter spontan auf der Straße ein Interview geben sollte. „Mir war das damals nicht so bewusst“, sagt sie. Den Beruf habe sie durch einen bekannten Schornsteinfeger gewählt und war von Anfang an begeistert. Das hat sich auch nach 24 Jahren nicht geändert, obwohl sie zugibt, anfangs den Matheanteil für die Messtechniken völlig unterschätzt zu haben. „Es gehört wirklich viel, viel Mathematik dazu“, betont sie.

Neben ihrer Lehrzeit in Dornum habe sie bereits in Jever, Norden, Pewsum, Esens und auf der Insel Langeoog gearbeitet. Dort kenne sie fast jeden Straßenzug beim Namen und sei auch unter den Kunden bekannt. Der tägliche Umgang mit Menschen mache für sie den Reiz an ihrem Beruf aus. Der Aberglaube ist für Andrea Bischoff eher eine nette Nebensache, die Türen öffnet.

Ihr schwarzer Anzug – Zylinder, Mundtuch, „Koller“ (Jacke) und eine schwarze Hose – zieht sie für die rußigen Arbeiten an, wenn sie den Schornstein fegen muss. Schwindelfrei müsse man dafür sein, ganz klar, und auch einige Muskeln mitbringen. Denn der Kamin wird noch wie vor 500 Jahren gekehrt. Da habe sich nicht viel geändert. „Für Mädchen ist das in der ersten Zeit anstrengend. Nach drei Tagen kehren ist aber fast jeder fix und fertig“, erzählt die 1,65 Meter große Frau.

Ihren Exotenstatus hat die blonde Ostfriesin mittlerweile abgelegt. Andere Frauen sind in ihre Fußstapfen getreten. Das einstige männerdominierte Handwerk ist im Wandel. „Wir sind ungefähr zehn Frauen im Kammerbezirk, aber etwas Besonderes ist es immer noch“, berichtet Bischoff. In Ostfriesland wurden seit 1995 elf Schornsteinfegerinnen ausgebildet. Derzeit gibt es drei weibliche Lehrlinge. Eine davon ist Janina Klingsch aus Norden. Andrea Bischoff hat die Tochter einer Bekannten während eines Girls’Day mit ihrer Liebe zum Beruf angesteckt. Nun kehrt die Auszubildende im zweiten Lehrjahr in Dornum gemeinsam mit ihrem Mann, der ebenfalls Schornsteinfeger ist. Der Glücksbringer-Beruf ist in der Familie Bischoff Programm: Sohn und Schwiegervater gehören ebenfalls der schwarzen Zunft an.

Näheres über das Thema „Frauen mit Zylinder: Glücksbringerinnen erobern Männerdomäne“ erfahren Interessierte von Andrea Bischoff und Janina Klingsch in der nächsten Radiosendung „Das Handwerk informiert“, am Sonntag, 3. Januar, ab 12 Uhr auf Radio Ostfriesland.

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