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Weldetinsae Teklemariam wird seit diesem Jahr in der Tischlerei DDV in Großsander ausgebildet. Tischlermeister Stefan de Vries (l.) zeigt ihm die Bedienung der Fräsmaschine.

Eine Ausbildung für ein neues Leben

Flüchtling „Welde“ erhielt mit seinem Ausbildungsvertrag von der Tischlerei DDV in Großsander (Uplengen) eine neue Zukunftsperspektive. Dafür riskierte er mehr als drei Jahre lang sein Leben.

Ostfriesland. „Welde ist ein sympathischer, offener junger Mann. Die Herzen fliegen ihm zu“, berichtet seine Adoptivmutter in spe, Hilde Meeuw. Sie hat Weldetinsae Teklemariam aus Eritrea, mit Spitznamen „Welde“, während seines Aufenthaltes in der Gemeinde Uplengen-Remels begleitet. Als Mitglied des Kirchenvorstandes half sie ihm durch den Behördenmarathon. Dass es jetzt in der Ausbildung zum Tischler etwas langsamer läuft, obwohl der ehrgeizige 28-Jährige sehr gut Deutsch spricht, sei verständlich.

Beim Lauftraining zum Ossiloop kennengelernt und angefreundet

2013 tauchte der junge Christ mit Freunden im Sonntagsgottesdienst der Kirche in Remels auf. Mittlerweile, nach einem 19-monatigen Kirchenasyl, hält er seit Juli seinen offiziellen Ausweis mit Bleiberecht in den Händen. Auch der Mut von Stefan de Vries, ihm einen Ausbildungsvertrag anzubieten, hat dazu beigetragen, dass er bleiben darf. Er ist Inhaber der neun Mitarbeiter starken Tischlerei DDV in Großsander. Carsten Berenstecher, Flüchtlingsberater der Handwerkskammer für Ostfriesland, unterstützte die Drei im Kampf um eine neue Zukunft in Deutschland. Jetzt steht „Welde“ vor der Hürde, den Berufsschulalltag zu meistern.

„Die Lehrer sprechen sehr schnell“, erzählt Teklemariam. Da sei es schwierig, mitzukommen. Aber sein neuer Chef ist sich sicher, dass sich auch das regeln wird. „Wünschenswert wäre es natürlich, wenn es Unterstützung in Form von Nachhilfeunterricht und für die Betriebe Lohnhilfen gäbe. Das würde die Sache erheblich vereinfachen“, sagt de Vries. Er hatte den jungen Mann beim Lauftraining zum Ossiloop 2014 kennengelernt und unter seine Fittiche genommen, weil er „eine Seele von Mensch ist und außerdem hochmotiviert“.

Die Überfahrt nach Italien mit Haare schneiden finanziert

Die Schulsorgen sind im Vergleich zu dem, was der Eritreer bereits überwunden hat, gering. Nüchtern berichtet er, wie es zu seiner dreijährigen Flucht aus einem der ärmsten Länder Afrikas mit Militärdiktatur kam. In Eritrea wurde er während seiner Schulzeit zum Militärdienst gezwungen und misshandelt. Nach einem Freigang kehrte er als einziger zurück. Die anderen waren desertiert. Er wurde dafür grausam bestraft. Knapp mit dem Leben davongekommen, wagte er 2010 selbst den Fluchtversuch, mit der Gewissheit, wenn seine Häscher ihn erwischten, werde er umgebracht. Sein Weg führte ihn in den Sudan, wo er zweieinhalb Jahre lang sein Geld als Friseur mühsam zusammensparte, um die Überfahrt nach Italien bezahlen zu können. „Der Sudan war schlimm, aber Libyen war noch schlimmer“, erzählt er. Christen müssten in den muslimischen Ländern jederzeit mit Misshandlungen bis zur Ermordung rechnen. Er deutet auf ein grünes Schmuckkreuz, welches er um den Hals trägt: „Das hätte ich niemals offen tragen dürfen.“

„In Italien wollte er nicht auf der Straße leben.“

Mit 6000 Euro für den Bootsschleuser wagte er sich 2012 über das Meer nach Italien. Wieder mit der Gewissheit, sterben zu können. Ein Zurück gab es nicht. „Wir hatten Glück“, erzählt Teklemariam, „das Meer war ruhig“. So kenterte das überladene drei Meter breite und elf Meter lange Boot mit 334 Menschen nicht. Nach 23 Stunden auf dem offenen Meer von der Küstenwache aufgegriffen, wurden sie in ein Camp auf Lampedusa einquartiert.

Dort kam die sogenannte Dublin-Verordnung zum Tragen, nach der ein Flüchtling in dem Staat um Asyl bitten muss, in dem er den EU-Raum erstmals betreten hat. Dass ist auch der Grund, warum er zum 10. September 2014 wieder nach Italien abgeschoben werden sollte und sich ins Kirchenasyl flüchtete. „Welde wollte in Italien nicht wieder auf der Straße und unter Brücken leben. Keiner schert sich dort um die Flüchtlinge“, erzählt Hilde Meeuw. Umso grenzenloser war die Erleichterung, als Teklemariam seinen Ausweis im Juli erhielt. „Er ist so gut in der Gemeinde integriert, wir hatten uns alle Sorgen gemacht, was aus ihm werden wird “, erklärt Stefan de Vries. Er ist fest davon überzeugt, dass „Welde“ auch den Gesellenabschluss meistern wird.

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