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Die Kammervertreter Albert Lienemann und Peter-Ulrich Kromminga (v.l.) mit den Gästen (v.r.): Katharina Guleikoff, Pia Krull, Helge Jan Meyer, Gesa Lüken-Hoppmann, Heiko Albrecht und Claudia Thumser.

Wie aus Prinzen Persönlichkeiten werden

Beim Frühstücken in der Handwerkskammer drehte sich alles um die Auszubildenden von morgen.

Ostfriesland. Bezeichnungen für sie gibt es viele: Lehrlinge, Stifte oder Azubis. Allerdings sind sie auf dem Arbeitsmarkt eher rar gesät. „Die Zeiten, zu denen sich viele Schulabgänger auf eine Ausbildungsstelle bewerben, sind Vergangenheit“, sprach Präsident Albert Lienemann das Nachwuchsproblem auf dem Handwerkerfrühstück der Handwerkskammer für Ostfriesland in Aurich an. Rund 100 Gäste begrüßte Lienemann am Tag des Handwerks, 17. September, in der Mensa „Mittmann“.

Er appellierte an die Handwerker, ihre Ausbildungsbemühungen weiter zu betreiben, auch wenn die Bedingungen schwierig seien. „Jugendliche sind der Innovationsmotor von morgen, die Zukunft eines jeden Unternehmens“, sagte er. Mit zwei Impulsvorträgen und einer Interviewrunde gab die Handwerkskammer den Gästen verschiedene Strategien im Umgang mit der neuen Generation an die Hand. „Warten Sie nicht darauf, dass die Jugendlichen Ihnen die Bude einrennen“, riet Helge Jan Meyer, Aus- und Weiterbildungspädagoge aus Collinghorst. Berufsorientierungen, Messebesuche mit Mitmachaktionen oder Glückwunschschreiben zum Schulabschluss verschicken: Wege, Jugendliche anzusprechen, gebe es viele. Praktika spielten im Werben um die nächsten Auszubildenden außerdem eine wichtige Rolle. „Übertragen sie den Jugendlichen Verantwortung, nehmen Sie sie ernst“, so Helge Jan Meyer. Ein gutes Betriebsklima, Weiterbildungschancen, eine strukturierte Ausbildung und Ansprechpartner für die Lehrlinge, machten einen attraktiven Ausbildungsbetrieb aus. „Das ist die beste Werbung nach außen.“

Wie die Auszubildenden ticken, verriet Claudia Thumser. Sie gab einen Einblick in die neuronale Welt der Heranreifenden. Von den unter 21-Jährigen könnten die Handwerker nicht erwarten, dass sie sich wie Erwachsene verhielten, da sie noch in der Entwicklungsphase seien, „wie Früchte, die man in die Sonne legt, damit sie nachreifen“. Einen Arbeitsauftrag erteilen und dann mal schauen, was daraus wird, sei nicht machbar. Die Jugendlichen seien es von den Eltern gewöhnt, dass die Erwachsenen es ihnen so bequem wie möglich machten und Dinge aus der Hand nehmen. Dennoch sei es möglich, gute Ausbildungsergebnisse zu erzielen. Die Handwerker müssten ihre „Früchtchen“ intensiv betreuen und viele Gespräche führen, damit sie auf sie eingehen können. Sie verglich die Ausbilder mit Coaches, die den Nachreifungsprozess mit ihren Lehrlingen intensiv „durchleben und durchleiden“ müssten. „Ihre Aufgabe ist es, aus Prinzessinnen und Prinzen Persönlichkeiten zu machen“, sagte sie.

Wie diese Betreuung aussehen kann, wurde in einer anschließenden Interviewrunde, moderiert von Katharina Guleikoff, Redaktionsleiterin von Radio Nordseewelle, veranschaulicht. Die Bäckerei Hoppmann (Uplengen) beispielsweise setzt bereits seit mehreren Jahren auf Teilzeitausbildungen für Fachverkäufer. Die meist jungen Mütter seien hoch motiviert, organisiert und froh über die Chance, die sie in der Bäckerei erhielten. Außerdem habe das Engagement zu einem hohen Imagegewinn geführt, berichtete Ausbildungsleiterin Gesa Lüken-Hoppmann. Die Krull Elektrotechnik (Ihlow-Riepe) hat eine eigene Ausbildungswerkstatt eingerichtet. Dort können die angehenden Elektriker den schulischen Theorieunterricht in der Praxis testen, bevor es auf die Baustellen geht. Marketingleiterin Pia Krull erklärte, dass sie auch gute Erfahrungen mit Berufsorientierungen und Umschülern gemacht hätten. Seit kurzem bilden sie sogar Frauen aus, „und die können das genauso gut, wie die männlichen Handwerker“, sagte Pia Krull.

In der Spedition Nanno Janssen (Emden) sei es Tradition, sozial schwächeren Schulabgängern Ausbildungschancen zu ermöglichen, erzählte Personalleiter Heiko Albrecht. Dafür arbeite das Unternehmen mit vielen Institutionen zusammen und betreue die Schützlinge intensiv. „Es lohnt sich“, so Albrecht. „Wir bekommen zwar nicht jeden rüber. Aber alle, die die Ausbildung schaffen, haben sich zu loyalen und fundierten Mitarbeitern entwickelt.“

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