KI generiert: Ein Mann steht draußen und trägt traditionelle Handwerkerkleidung mit einem Hut.

Marius Beye auf Stippvisite bei der Handwerkskammer. Nach eigenen Angaben ist er der erste Elektroniker-Wandergeselle, der für seinen neuen Schacht auf Wanderschaft ist.
© HWK/W.Feldmann

Elektroniker auf der Walz

Wandergeselle Marius Beye wirbt für den neu gegründeten Schacht „Ring vereinigter Metallgewerke“ (RvM). Er ist der erste Elektroniker, der als Mitglied auf der Walz unterwegs ist. Der junge Handwerker ist seit 2023 am Tippeln, um neue Orte kennenzulernen, Traditionen zu ­leben und Erfahrungen zu sammeln.

18.06.2026

Ostfriesland. Wandergesellen ziehen unterwegs mit ihrer Zunftkleidung die Blicke auf sich. Dass es sich bei ihnen nur um Zimmerleute, Dachdecker oder Maurer handelt, ist ein weit verbreiteter Irrglaube. Marius Beye aus Hameln (Weserbergland) ist das beste Beispiel. Der gelernte Elektroniker für Betriebstechnik hat einige Monate bei der Firma Enercon in Aurich mit dem Bau von Schaltschränken verbracht. Sein nächstes Ziel ist eine gemeinnützige Baustelle des freien Begegnungsschachts in Frankreich. Auf dem Weg holte er sich bei der Handwerkskammer für Ostfriesland seinen Wanderstempel ab und warb für seine junge Gesellenvereinigung.

Neue Vereinigung schickt metallverarbeitende Gesellinnen und Gesellen auf die Walz

 „Ich bin derzeit der einzige Wandergesellen-Elektroniker auf der Straße“, erzählt der Hamelner. Ein Novum. Der junge Handwerker gehört dem Ring vereinigter Metallgewerke (RvM) an. Eine traditionelle Vereinigung für wandernde Gesellinnen und Gesellen der metallverarbeitenden Berufe. Sein Schacht wurde im April 2023 von elf Altgesellen gegründet, um das Gewerk besser zu repräsentieren und zu vernetzen. Die Gesellschaft schickt Schmiede, Metallbauer, Goldschmiede sowie Zweirad- und Kfz-Mechatroniker auf die Tippelei. Dem Neuschacht stehen Altschächte wie der Rolandsschacht, der Fremde Freiheitsschacht oder die Freien Vogtländer Deutschlands gegenüber, die auf eine über hundertjährige Geschichte zurückblicken. „Sie tauschen sich über Arbeitgeber aus, greifen auf gute Werkzeugressourcen zurück und sind unglaublich gut vernetzt. Das wollen wir auch für die Metallhandwerke“, erzählt Beye.

Er selbst hat in seiner Heimatstadt von der Neugründung erfahren. Dort arbeitete er als Elektroniker auf einer Baustelle, die von Wandergesellen organisiert wurde. Der Zusammenhalt und der soziale Umgang in der Gemeinschaft haben ihn beeindruckt. Unter ihnen war ein Gründungsmitglied und Bekannter von Marius Beye. Drei Wochen später zog er los. „Ich habe geile Arbeit gefunden, tolle Freunde kennengelernt und ein Netzwerk aufgebaut, das mich mein Leben lang begleiten wird.“ 

Die Wanderschaft öffnet Türen zu Top-Arbeitgebern

Reisefieber hat Marius Beye schon immer angetrieben. Gleich nach seiner Ausbildung 2013 in einer Schaltanlagenbau-Firma trampte er durch ganz Europa. „Hätte ich damals schon gewusst, dass ich als Elektroniker auf die Walz gehen könnte, wäre das riesig gewesen“, erzählt er. Die Wanderschaft macht Türen auf. Sie steht für einen großen Zusammenhalt und ein hohes Ansehen als ehrbarer Handwerker. „Mein Messgerät habe ich immer am Mann“, sagt er und tippt auf seine Hosentasche. Der Wandergeselle reist mit Werkzeug, dem Stenz, wie der Wanderstock genannt wird, und der traditionellen blauen Kluft, die ihn als Metallhandwerker kennzeichnet. An seinem Revers ist eine kreisförmige Brosche mit einem Hammer und einem kleinen Blitz befestigt. Die sogenannte „Ehrbarkeit“. Mit Hilfe einer Goldschmiedin hat Beye diese selbst geschmiedet. Sie wird als Erkennungszeichen und Symbol für Freiheit und die ehrbare Wanderschaft getragen.

KI generiert: Das Bild zeigt das Revers eines blauen Blazers mit zwei dekorativen Reversnadeln oder Abzeichen.

Die Ehrbarkeit des Wandergesellen.
© HWK/W. Feldmann

Zwischen Seenotrettung, Miniatur Wunderland und Festivalbühnen

Unterwegs hat er schon viel erlebt. In ganz Deutschland arbeitete er im Schaltschrankbau. Er schnupperte aber auch in neue Gewerke hinein. So habe er Dächer gedeckt, gefliest, gemauert, geschmiedet und verfugt. Darum geht es: Erfahrungen zu sammeln und sich mit Neuem auseinanderzusetzen.

Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm der Umbau eines Schiffes für die Seenotrettung in Flensburg. Aber auch die filigranen Verkabelungen im Miniatur Wunderland in Hamburg haben Eindruck hinterlassen. Auf der Fusion, einem der größten Festivals in Deutschland, unterstützte er die Technik-Crew in vielen Bereichen: von der Regeltechnik für die Kanalisation bis hin zur Bau- und Feststromverteilung der Bühnentechnik. „Das Festival ist bekannt für den Stromverbrauch einer Kleinstadt. Wir haben etliche Kilometer Kabel verlegt.“

Nächstes Ziel: Schiffe verkabeln und auf Offshore-Anlagen arbeiten

Ein fester Routine-Job käme für ihn derzeit nicht infrage. Stattdessen möchte er künftig noch auf Schiffen arbeiten oder in der Offshore-Branche Erfahrungen sammeln, nette Menschen treffen, die Geselligkeit genießen und einfach eine gute Zeit haben. Seine Regelwanderschaft hat der Hamelner bereits hinter sich. Drei Jahre und einen Tag durfte er seinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. Für Kost, Logis und Reisen darf er kein Geld ausgeben. Die Wanderschaft finanziert sich in erster Linie durch seine Arbeitskraft. Traditionell wird sich per Anhalter fortbewegt. Zurückkehren möchte er trotzdem noch nicht. „Dafür ist mein Freiheitsdrang viel zu groß“, sagt er.

Anderen Handwerkern und Handwerkerinnen – unverheiratet, schuldenfrei und unter 30 Jahren, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, loszugehen, rät er, gezielt nach Baustellen zu suchen, auf denen Wandergesellen arbeiten. „Einfach anquatschen, egal welches Gewerk. Die Leute können dann den passenden Kontakt vermitteln.“