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Krisen sind zur Normalität geworden
Ostfriesische Handwerksbetriebe leiden unter Kosten- und Bürokratiedruck – Handwerkskammer und ZDH pochen auf Entlastung und bessere Rahmenbedingungen.
01. Juli 2026
Ostfriesland. Das Handwerk zeigt sich trotz wirtschaftlicher und politischer Herausforderungen weiterhin widerstandsfähig. Während der Vollversammlung der Handwerkskammer für Ostfriesland machte Präsident Albert Lienemann jedoch deutlich, dass viele Betriebe unter den aktuellen Rahmenbedingungen leiden, obwohl die Konjunkturlage stabil ist. Das Beschlussgremium, dem 16 Arbeitgeber- und 8 Arbeitnehmervertreter/innen angehören, traf sich zu einer Sitzung im Hotel „Köhlers Forsthaus“ in Aurich.
Die Entwicklungen auf der bundespolitischen Ebene seien besorgniserregend. „Wir stecken in einer Möchtegern-Reform-Zeit fest. Über notwendige, grundlegende Veränderungen in der Politik wird nur diskutiert, ohne dass echte Taten folgen. Dabei wird die Unzufriedenheit der Unternehmen immer größer und das Vertrauen der Bevölkerung leichtsinnig verspielt“, kritisierte Lienemann in seiner Rede. Der Handlungsbedarf sei groß. Die kleinen und mittleren Betriebe hätten mit enormem Kostendruck zu kämpfen. Hinzu kämen die bekannten strukturellen Probleme wie der anhaltende Fachkräftemangel. „Wir brauchen Entlastung bei Steuern, Sozialabgaben und Energiekosten sowie einen Bürokratieabbau, der in den Betrieben wirklich ankommt. Außerdem brauchen wir mehr Berufsorientierung an den Schulen sowie Unterstützung bei Gründungen und Betriebsübergaben im Handwerk“, forderte Lienemann.
Ambitionierte Reformagenda – aber die Luft geht aus
Dem konnte Jörg Dittrich, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), beipflichten. Trotz wetterbedingter Flugverspätungen, durch die der Handwerkspräsident seinen Anschlussflug nach Bremen nicht erreichen konnte, ließ Dittrich es sich nicht nehmen, per Videoschaltung zur Vollversammlung zu sprechen. Im Mittelpunkt seiner Rede standen die aktuellen handwerkspolitischen Herausforderungen und die Arbeit des ZDH. Dittrich sprach von einer sehr ambitionierten Reformagenda der Bundesregierung: Rente, gesetzliche Krankenversicherung, Pflege, Arbeitszeitflexibilisierung, Bürokratieabbau und Steuern: Die Liste der drängenden Themen sei lang und der Handlungsdruck auf die Regierungskoalition entsprechend hoch. Von der Wirtschaftslage zeichnete er ein nüchternes Bild. „Wir spielen zwar in der Champions League mit, aber uns geht in der 80. Minute die Luft aus“, zog er einen Vergleich zum Fußball. Anpassungsfähigkeit sei nun gefragt. „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Krisen zur neuen Normalität geworden sind.“ Dabei zeigten sich die Bürokratielasten, die steigenden Energiekosten sowie die hohe Steuer- und Abgabenlast als strukturelle Hemmnisse, die die Konjunkturprobleme anheizten.
Hohe Belastungen engen Spielräume für Betriebe ein
„Das Handwerk erwartet jetzt politische Entscheidungen, die ihre Priorität auf Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Fachkräftesicherung legen. Nur dann können die Wirtschaft und auch die Handwerkskonjunktur wieder in Schwung kommen“, betonte er. Die Abgabenlast müsse wieder unter 40 Prozent gesenkt werden. „Die Menschen rufen nach Leistungsgerechtigkeit“, so Dittrich. Derart hohe Belastungen engten die Spielräume für Beschäftigte und Betriebe ein, verringerten die Kaufkraft und erschwerten Investitionen.
Ausbildung nicht kaputtsparen: Warnung vor Fördermittelkürzungen
Abschließend appellierte Dittrich an die Vollversammlung, sich für den Status quo der handwerklichen Ausbildung stark zu machen. Derzeit arbeitet der ZDH daran, die berufliche mit der akademischen Bildung per Gesetz gleichzusetzen. Im Zuge der Sparmaßnahmen in den Bundesministerien drohen außerdem Fördermittelkürzungen für die überbetrieblichen Lehrlingsunterweisungen und die Berufsbildungszentren. „Wenn die Industrie 20 Prozent der Ausbildungsplätze streicht und vom Handwerk erwartet wird, dies aufzufangen, sind die Einsparungen in der Ausbildung junger Menschen kontraproduktiv und falsch“, sagte Dittrich und fügte hinzu: „Wir können den Nachwuchs nicht mit Werkzeug aus den 70er-Jahren unterrichten und wettbewerbsfähig bleiben.“
HWK mit ausgeglichenem Haushalt und positiver Ertragslage
Als weiterer Tagesordnungspunkt stand der Jahresabschluss 2025 auf dem Programm, der aus Bilanz, der Erfolgs- und Finanzrechnung, dem Anhang zur Bilanz sowie dem Lagebericht besteht. Carsten Liebsch, Mitarbeiter im HWK-Rechnungswesen, stellte die Eckdaten des Zahlenwerks vor. Demnach verfügt die Handwerkskammer über einen ausgeglichenen Haushalt sowie eine positive Ertragslage. Die Vollversammlung entlastete den Vorstand und die Geschäftsführung daraufhin einstimmig.
Neue Ausbildungsordnungen für die Bauwirtschaft
Abschließend wurden zahlreiche Satzungsanordnungen, hauptsächlich in den Gewerken des Bauwesens, für überbetriebliche Lehrlingsunterweisungen verabschiedet. Am 1. August 2026 tritt für die Berufe der Bauwirtschaft eine neue Ausbildungsanordnung in Kraft. Insgesamt wurden 19 Bauberufe neu geordnet, darunter 16 dreijährige und drei zweijährige Ausbildungsberufe in den Bereichen Hochbau, Tiefbau und Ausbau.
Die Handwerkskammer empfiehlt, sich frühzeitig mit den neuen Vorgaben vertraut zu machen und die Ausbildungsplanung entsprechend anzupassen. Nähere Informationen sind unter www.hwk-aurich.de/neuordnungbauberufe verfügbar.
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