
Nach dem Studium wagt Henrik Potzler den Neustart im Malerhandwerk und macht sich mit Mut, Meisterbrief und viel Leidenschaft selbstständig.
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Vom Lehramt zum Meister
Henrik Potzler hat alles gemacht, was man von einem Abiturienten erwartet: Er begann ein Studium mit dem klaren Ziel, Lehrer zu werden. Und dann hat er alles wieder über den Haufen geworfen für Pinsel, Spachtel und Schleifmaschine.
15. September 2026
Ostfriesland. Henrik Potzler aus Stedesdorf steht gerade unter Dampf. Die letzten Jahre hat der 38-Jährige durchgepowert. Immer mit dem Ziel, dort anzukommen, wo er jetzt ist: in der Selbstständigkeit. Vor einigen Wochen hat er sein Gewerbe im Maler- und Lackiererhandwerk bei der Handwerkskammer für Ostfriesland angemeldet.
Blickt er auf seinen, wie er selbst sagt, kurvigen Werdegang zurück, hätte er sich am Anfang „den Mut gewünscht, gleich ins Handwerk einzusteigen“. Ursprünglich hatte der Abiturient eine Laufbahn als Lehrer im Sinn. „Damals war das so. Wenn man Abitur macht, geht man studieren“, sagt er. Dabei ist Potzler sehr praktisch veranlagt. Schon als Kind schraubte er mit seinem Vater, einem gelernten Kraftfahrzeugmechaniker, an Autos und Motorrädern herum.
Studium ohne Funken
In Oldenburg studierte er auf Lehramt. Während eines Praxissemesters merkte er, dass der Funke im Schulalltag nicht übersprang. „Ich habe so viel Herzblut in die Vorbereitungen der Experimente und Materialien gesteckt. Irgendwie kam da nie etwas von den Schülern zurück. Das war deprimierend“, erzählt er. Seine Fächer: Mathe und Physik. „Nicht gerade die beliebtesten Unterrichtsstunden“, schmunzelt Potzler. Die eng gesteckten Lehrpläne ließen nur wenig Freiraum für Selbstbestimmung. „Da ist mir der Spaß flöten gegangen“, resümiert er. Seinen Master of Education schloss er dennoch ab, doch ins Referendariat wollte er nicht mehr. Auch ein Angebot für eine Doktorandenstelle an der Uni schlug er aus.
Die berufliche Orientierung begann von vorn. Um Geld zu verdienen, arbeitete er zunächst als Malergehilfe im Betrieb eines Freundes der Familie auf Langeoog. Dort machte es schließlich Klick: „Ich bin einfach kein Bürotyp. Ich arbeite gerne mit den Händen.“ Rückblickend wirkt vieles naheliegend. Der Beruf liegt in der Familie. Ein Onkel arbeitet als Fahrzeuglackierer, ein anderer machte sich als Meister im Maler- und Lackiererhandwerk sowie im Kfz-Handwerk als Fahrzeuglackierer selbstständig. Auch seine Großmutter betrieb in Süddeutschland ein Unternehmen für Industriebeschichtungen. Während seiner Wehrdienstzeit bei der Luftwaffe in Jever lackierte er Flugzeugteile. Die Arbeit gefiel. „Die Berührungspunkte waren immer da. Warum ich den Beruf nicht früher gewählt habe, kann ich nicht sagen.“
Bester seines Jahrgangs
Mit 34 Jahren beginnt er seine Ausbildung zum Maler und Lackierer bei der Firma „Farbwelt“ in Utarp. Nach eineinhalb Jahren hält er als Bester seines Jahrgangs den Gesellenbrief in der Hand. Danach legt er nebenberuflich im Berufsbildungszentrum Aurich nach 17 Monaten die Meisterprüfung ab. Eine Doppelbelastung, die er als dreifacher Vater deutlich spürt: „Auf ein Ausbildungsgehalt runterzugehen, das ist hart, aber es hat sich gelohnt. Ich bin sehr stolz auf meine Abschlüsse und darauf, dass ich es durchgezogen habe.“
Sprung ins kalte Wasser
Für den Schritt in die Selbstständigkeit hätte er sich einen sanfteren Übergang gewünscht. Doch dann flatterte eine betriebsbedingte Kündigung ins Haus. „Da habe ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt“, sagt Potzler. Von seiner Familie erhält er Rückendeckung. Auch die Existenzgründungsberatung der Handwerkskammer hat ihm weitergeholfen: „Gerade für die vielen Behördengänge war das Gold wert“, sagt er.
Pädagoge bleibt er trotzdem
Ganz an den Nagel hängt Potzler die Pädagogik aber nicht. Später will er selbst ausbilden. Seit Februar unterrichtet er einige wenige Stunden im Monat im Meistervorbereitungskurs der Maler und Lackierer im Berufsbildungszentrum in Aurich: Themen wie Angebotserstellung, Arbeitsplanung und Kalkulation. „Die Motivation der Teilnehmer ist eine ganz andere. Die Meisterschüler lernen für sich, um weiterzukommen“, beobachtet er.
„Plan A“: Handwerk
Rückblickend kann er eine berufliche Laufbahn im Handwerk als sehr guten Plan A empfehlen. Es bietet viele Möglichkeiten, sich auszuprobieren und sich fachlich wie persönlich zu entfalten. Das gilt besonders vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung Künstlicher Intelligenz. „Eine gute handwerkliche Fachkraft ist nie zu ersetzen“, ist er überzeugt. Sein Rat an junge Leute mit Abitur: „Eine duale Ausbildung vor dem Studium spart Zeit, Geld und bringt Klarheit, was man wirklich will.“
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