Susanne Smid in der Ausstellung der Smid Bau GmbH. Sie hält ein Erinnerungsbuch an eine Trauerfeier in den Händen. Es ist in der derzeitigen Pandemie sehr beliebt, weil nicht immer alle teilnehmen können.
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Eine Frage der Organisation

Susanne Smid aus Ihlow meistert in zwei Firmen ihren Berufsalltag und das Familienleben mit Bravour. Mit 40 Jahren entschloss sie sich, den Beruf des Bestatters zu erlernen und als Chefin durchzustarten.

Ostfriesland. Ein Notarztwagen fährt mit Blaulicht auf der Auricher Straße am Firmengebäude des Bestattungsinstituts Cornelius Smid in Westerende-Kirchloog vorbei. Der Aufmerksamkeit von Susanne Smid entgeht das Fahrzeug nicht. Ein Anruf der Rettungsleitstelle könnte folgen: Verstirbt jemand, wird meist der Rettungsdienst oder Hausarzt zuerst gerufen. Eventuell kommt bei ungeklärten Umständen die Polizei noch hinzu. Die Dritten im Bunde sind Susanne Smid und ihr Team, die einen 24-Stunden-Bereitschaftsdienst anbieten.

Die geprüfte Bestatterin führt den Betrieb in dritter Generation mit zwei Kollegen und sechs Bestattungshelfern. Ihre Dienstleistungen werden in den Ortsteilen der Gemeinde Ihlow, Aurich, Südbrookmerland und Großefehn angefordert. Aber auch darüber hinaus suchen Menschen den Beistand des Instituts. Gleichzeitig greift sie als Unternehmerfrau ihrem Mann Thomas unter die Arme. Er führt gemeinsam mit seinem Cousin Hartmut die Tischlerei und das Baugeschäft Smid Bau GmbH gleich nebenan. Aus dem Betrieb ist 1953 das Bestattungsinstitut als Tochterfirma gegründet worden.

Das Mobiltelefon ist nie aus der Sicht, selbst beim Duschen nicht. Tagsüber, spät am Abend, mitten in der Nacht, früh morgens, am Wochenende oder an Feiertagen wird angerufen. „Das ist für uns selbstverständlich“, sagt die Unternehmerfrau und bezieht damit auch ihre Familie mit ein, bei der das Bestattungswesen über Generationen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Freunde hätten sich schon längst daran gewöhnt, dass die eine oder andere Verabredung im Sande verläuft. Die Arbeit geht immer vor. Nach einer 14-Tage-Schicht kann es dann vorkommen, „dass man richtig erschöpft ist“, erzählt die 56-jährige Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Das hänge ganz davon ab, wie viel los sei. „Planbar sind die Fälle nie. Es kommt, wie es kommt“, meint Susanne Smid.

Das sie einmal im Bestattungswesen ihre Karriere aufbauen wird, hätte sie sich als junge Frau und gelernte Modistin sicherlich nicht träumen lassen. Nach einigen beruflichen Zwischenstopps in Süddeutschland und Hildesheim kehrte sie mit ihrem Mann 1990 zurück nach Ostfriesland, um ins Familienunternehmen einzusteigen. Der Betrieb liegt mit einer 400 Quadratmeter großen Einrichtungsausstellung direkt neben dem Institut und dem Wohnhaus und kann mit einer über 85-jährigen Familientradition aufwarten. Susanne Smid organisiert nebenher alle Marketing-Events wie Kochveranstaltungen, erledigt Botendienste, besucht Messen und kümmert sich auch um die Mitarbeiter, „als Mutter der Kompanie“, sagt sie scherzhaft und weiter: „Ich kann auch problemlos einen Dampfgarer verkaufen.“ Das lerne man so nebenbei. Wenn was anfällt, wird die Frau vom Chef gerufen. Alles sei eine Frage der Organisation. Und wenn dann mal was liegen bleibt, „dann ist das eben so“.

In ihrem Alltag hat sie sich trotz vieler Aufgaben so eingerichtet, dass „ich richtig zufrieden bin“. Mit einem ausgeklügelten Schichtdienst wird die Arbeit zwischen ihr, Bestattermeister Daniel Cassens und Bestatter Daniel Wetzel aufgeteilt. So schafft sie sich Freiräume, um ihren Rollen als Chefin, Frau vom Chef, Mutter, Hausfrau sowie Tochter und Schwiegertochter gerecht zu werden. Außerdem ist sie ehrenamtlich tätig als Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer für Ostfriesland und als zweite Vorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk für den Landkreis Aurich und die Stadt Emden.

Schon während der Elternzeit mit ihren Kindern, Jan-Hendrik (29, Architekt) und Christian (25), der ebenfalls als Tischlermeister und Holztechniker in den Betrieb mit eingestiegen ist, übernahm sie Schreibarbeiten in der Firma und im Bestattungsinstitut. Später dann, als ihr Schwiegervater Siegfried Smid erkrankte, sah er in ihr die perfekte Nachfolgerin.

Ihren ersten Kontakt mit einer Verstorbenen und wie sie ihre Berührungsängste mit dem Thema Tod über Bord warf, hat Susanne Smid noch gut in Erinnerung. Ihr Schwiegervater bat sie, bei einer Frau eine Schleife an ihrer Bluse zu richten. „Sie sah so friedlich aus. Da war nichts Schlimmes bei. Bei mir hat es da Klick gemacht. Oft ist es nur eine Kopfsache. Viele haben merkwürdige Bilder vom Ableben vor Augen“, erzählt sie. 

Um in der hart umkämpften – meist von Männern geprägten – Branche anerkannt zu werden, entschloss sie sich mit 40 Jahren noch einmal die Schulbank zu drücken. An der IBAT, der Instituts-Gesellschaft für Betriebs- und Arbeitstechnik des Tischlerhandwerks in Hannover, absolvierte sie die Ausbildung und sattelte den Fachwirt oben auf. „Die Abschlüsse waren mir wichtig, um für die Hinterbliebenen eine kompetente Ansprechpartnerin zu sein und auch neue Dinge in die Abläufe einzubringen“, sagt sie.

Ihre Firmenphilosophie ist es, für die Trauernden nahbar zu sein und den Angehörigen eine gelungene Verabschiedung zu ermöglichen. Ob es nun eine Seebestattung, ein Urnenbegräbnis im Wald oder ein klassische Friedhofsbeisetzung ist. Rückblickend resümiert sie: „Auch wenn der Beruf manchmal fordernd ist, in depressive Phasen kann ich nicht abrutschen.“ Dafür sei sie eine zu lebensfrohe und anpackende Person.

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Bild_Portrait: Susanne Smid in der Ausstellung der Smid Bau GmbH. Sie hält ein Erinnerungsbuch an eine Trauerfeier in den Händen. Es ist in der derzeitigen Pandemie sehr beliebt, weil nicht immer alle teilnehmen können.

Bild_Saerge: In den Ausstellungsräumen können Sargmodelle und Urnen ausgewählt werden.

Bild_Betrieb: In dem Familienbetrieb, die Smid Bau GmbH, ist Susanne Smid mit ihrem Mann Thomas vor 30 Jahren eingestiegen.
 

Fotos: HWK/W. Feldmann