Markus Timme beim Ausschneiden einer Stechapfel-Blüte. Sie ist Teil eines aktuellen Kundenauftrages.
© HWK/J. Stöppel

Zerbrechliche Handwerkskunst

Markus Timme aus Westoverledingen ist gelernter Kunstglaser. Aus Glas stellt er faszinierende Fensterverzierungen her.

Ostfriesland. Langsam und mit geübten Bewegungen fährt Markus Timme mit dem Schneidewerkzeug eine Schablone nach. Eine Stechapfel-Blüte, die sich unter dem durchsichtigen Material abzeichnet, mit dem er täglich arbeitet. Glas ist ein sehr zerbrechlicher Werkstoff. Aus ihm kann in wenigen Wochen aus vielen Einzelteilen ein kleines Kunstwerk entstehen. Geschick und vor allem Geduld sind im Umgang damit gefragt. „Man benötigt sehr viel Erfahrung. Aber die Unberechenbarkeit macht auch gleichzeitig den Reiz aus“, erklärt der 58-Jährige begeistert. Er ist gelernter Kunstglaser und Restaurator im Glaserhandwerk und seit vier Jahren selbstständig. Sein Schwerpunkt liegt auf der Instandsetzung und Herstellung von Bleiverglasungen und Glasmalereien.

Nachdem Markus Timme die Konturen der Stechapfel-Blüte einmal mit dem Glasschneider umfahren hat, kann er sie aus dem Rohling heraustrennen. Fertig ist sie aber noch lange nicht. Es bedarf noch vieler Pinselstriche und Stunden im Ofen, bis die Farbe in das Glas eingebrannt ist. Danach ist das erste Puzzlestück seines aktuellen Kundenauftrags fertig. Aber es wird nicht das einzige bleiben. Jedes bleiverglaste Fenster besteht aus mehreren handgefertigten Einzelteilen, die mit Hilfe von Bleiprofilen zu einem Gesamtwerk zusammengesetzt werden. Ausgefallene Werkzeuge und Maschinen braucht Timme dafür nicht. „Hier wird fast alles von Hand gemacht. Quasi Handwerk in seiner Reinform“, sagt er lachend. Ausgefallen sind höchstens die Namen seiner Werkzeuge wie „Aufreiber“ und „Dachshaarvertreiber“, um nur zwei davon zu nennen. Ansonsten gibt es in der kleinen Scheunenwerkstatt in Westoverledingen noch einen Brennofen, eine großzügige Werkbank und jede Menge Glasrohlinge in diversen Farbnuancen, die je nach Lichteinfall eine besondere Atmosphäre zaubern.

Eigentlich ist Timme gelernter OP-Pfleger. Nach einem Verkehrsunfall 2015 konnte er seinen bisherigen Beruf jedoch nicht weiter ausüben und entschloss sich zu einer zweijährigen Umschulung in diesem ungewöhnlichen Beruf. „Damals hatten wir noch die Glasfachschule hier bei uns im Ort. Da hat sich das einfach angeboten“, erinnert er sich. Darüber hinaus machten ihm auch seine Vorliebe für Kunst und Geschichte sowie seine Kreativität und Freude am Recherchieren die Entscheidung leicht. Alles Eigenschaften, die für den Beruf unabdingbar seien. Denn oft müsse er unterschiedliche Lektüren oder auch das Internet zu Rate ziehen, um herauszufinden, welche Maltechniken oder Werkstoffe er für die Instandsetzung des jeweiligen Projektes nutzen kann. „Nur so kann man die Bleiverglasungen möglichst originalgetreu restaurieren“, erklärt der Handwerker. Oft enthielten die Farben Inhaltsstoffe, die es heute nicht mehr zu kaufen gibt. Den originalen Farbton wieder herzustellen, nehme deshalb manchmal ganze Tage in Anspruch. „Es gibt dafür kein Rezept. Man muss einfach sehr viel ausprobieren, bis man das gewünschte Ergebnis erzielt“, so der Kunstglaser. Eines seiner bisher größten und spannendsten Projekte war 2019 die Mitwirkung an der Sanierung der katholischen St. Michael Kirche in Oldenburg. Über 60 Fenster hat er von Juni bis Oktober von innen und außen restauriert, Glasmalereien rekonstruiert, Eisenrahmen gestrichen und neue Schutzverglasungen angebracht. „Das war schon ein einmaliges Erlebnis.“

Zu seinen Kunden gehören überwiegend öffentliche Institutionen wie beispielsweise Kirchen. Vereinzelt beauftragen ihn aber auch Privatpersonen für Reparaturen oder Sonderanfertigungen von Glasunikaten für Haus und Garten. „Meist sind das Leute, die etwas Exklusives oder ein liebgewonnenes Einzelstück in seinen Ursprung zurückversetzt haben wollen“, so Timme. Vom ersten Entwurf, über das Zuschneiden der Elemente und das Auftragen und Brennen der Farbschichten bis hin zum Einsetzen, Verkeilen und Verlöten der einzelnen Glasstücke vergehen schnell ein paar Wochen. Allein das Auftragen der unterschiedlichen Farben dauert Tage, da jede eine andere Brenntemperatur benötigt. „Und manchmal kann es passieren, dass man ein Element nach 24 Stunden aus dem Ofen holt und es nicht das Ergebnis liefert, das man sich gewünscht hat.“ Je nach Aufwand und Größe des jeweiligen Objektes dauere die Restaurierung oder Neuanfertigung daher schon mal bis zu drei Monaten. Der Beruf des Kunstglasers sei eben ein Handwerk, „das manchmal einfach Zeit braucht“. Die Reaktionen seiner Kunden, die jedes Mal ein Strahlen auf dem Gesicht hätten, wenn sie die fertigen Arbeiten sehen, sei für ihn größter Lohn.

Interessierte können sich auf der Homepage von Markus Timme unter www.glaskunst-timme.de oder auf seinen Social Media Kanälen einen Eindruck von seiner Arbeit verschaffen.

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